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Zum Jahresauftakt gibt’s heute einen Artikel aus ganz persönlicher Sicht. Ich versuche eine Frage zu beantworten, die mir seit Monaten immer wieder gestellt wird (und seid Euch sicher, ich stell sie mir gelegentlich auch selbst!). Seit wir nämlich vor mittlerweile über zwei Jahren beschlossen haben, von PANTHERION zu erzählen und sich das Ganze dann innerhalb kurzer Zeit von einem geplanten Kurzfilm zu einem beachtlichen multimedialen Projekt entwickelt hat, werde ich immer wieder gefragt:

Weshalb? Warum tut Ihr Euch das eigentlich an? So lange ohne irgendein Budget für etwas zu schuften, von dem Ihr nicht wißt, was letztlich dabei herauskommt?

Ich kann dann nur immer mit den Schultern zucken. Oft habe ich ehrlich gesagt das Gefühl, daß ich dabei gar keine große Wahl hätte. Es scheint mir, als ob diese Geschichten unbedingt erzählt werden wollten … und die ungebremste Begeisterung des Produktionsteams, die Unterstützung, die wir von allerorten erfahren und nicht zuletzt die Ungeduld der Fans in bezug auf die bevorstehende Premiere des Pilotfilms sehe ich als Bestätigung dafür an! Schon während der Preproduction drängte sich oft der Eindruck auf, als hätten alle nur darauf gewartet, daß hier “endlich etwas in der Richtung geschieht”.

Das Motto, das uns von Anfang an begleitet

Ohne das Schicksal jetzt zu sehr bemühen zu wollen, aber das ist für mich mit ein Grund, weshalb die Prämisse, mit der wir begonnen haben, nach wie vor gilt (tief Luft holen!): anhand der Aktivitäten der Organisation PANTHERION das Genre der Phantastik in Österreich wiederzubeleben und dadurch Graz in den Mittelpunkt der Handlung zu stellen; wobei durch einen starken Lokalbezug hinsichtlich Sprache, historischer Figuren, Begebenheiten und Sagen ein hoher Wiedererkennungswert einerseits als auch eine Neugierde für die Stadt andererseits heraufbeschworen werden sollen. Das bewußte Spiel mit der Grenze zwischen Fakt und Fiktion ist dabei Programm.

Insofern verstehe ich das Gesamtkunst-Projekt PANTHERION auch als Aspekt der Psychogeographie: Inwiefern wirken historische, architektonische und geographische Einflüsse auf unsere Wahrnehmung und regen dadurch einen kreativen Prozeß an, der mich als Erzähler natürlich unendlich fasziniert – den des Mythenmachens?

Archaisch: Geschichten am Feuer

Seit jeher haben sich Menschen ja Geschichten über ihre Umgebung erzählt. Etwa wie dieser besondere Berg entstanden ist. Oder welche Bewandtnis es mit jenen eigentümlich geformten Steinen am Eingang des Tals auf sich hat. Warum dem Wasser dieser Quelle heilsame Eigenschaften nachgesagt werden. Oder durch welch tragische Umstände das Liebespaar in der Erinnerung auf ewig mit jenem Baum verbunden sein wird. Solche Geschehnisse halten Einzug in die Folklore und werden in Legenden und Liedern, in traditionellen Namen und Bräuchen verewigt. Auf diese Weise wird nicht nur Erinnerung lebendig gehalten, solche Dinge laden die Welt auch mit Bedeutung auf.

Eine neue Form des Mythenmachens sind z. B. die Modernen Sagen, besser bekannt unter ihrer englischen Bezeichnung Urban Legends. Auch sie tragen wie die alten Mythen dazu bei, Gegenden, Charakteren und Ereignissen Gestalt und Relevanz zu verleihen. Diesen Effekt nutzen klarerweise aber auch andere Richtungen der Populärkultur: Wenn die New Yorker beispielsweise eine Straßenschlucht in einem Marvel-Comic wiedererkennen, durch die sich Spiderman schwingt, oder Cardiff mittlerweile Tourismuswerbung mit einer Schöpfung des begnadeten Russell T. Davies betreibt, nämlich Torchwood!

Die Mythologisierung von Graz

Und wir finden es eben auch cool, Graz zu mythologisieren. Sich nicht nur durch eine mehr oder weniger ansprechende Gasse zu bewegen, sondern in ihr auch den Ort wiederzuerkennen, an dem Viola Wachter von einem Vampir verfolgt wurde … auf dem Schloßberg zu stehen und zu wissen, daß sich das Hauptquartier von PANTHERION irgendwo hier unter den Füßen befindet … die Taverne aufzusuchen, in denen man Leuten mit einem weißen Button oder F.A.F.N.E.R.-Agenten über den Weg laufen könnte … den Ort im Leechwald zu finden, an dem PANTHERION versucht hat, ein Portal zum Raum zwischen den Sternen zu schließen … das läßt meiner Meinung nach eine Stadt auf magische Art und Weise lebendig werden!

Und ja, genau dafür lohnt sich diese Arbeit für mich – die Realität zu verzaubern und mich dadurch letztlich ebenfalls auf eine neue, verwandelte Art und Weise zu erfahren. Denn die Geschichten wirken immer auf alle Beteiligten. Das ist eine Dimension der Fabulierkunst, auf der auch mein Magiesystem aufbaut. Ich glaube, ein Zündfunke dafür (und damit auch für das erzählerische Konzept des PANTHERION-Universums) war eine Überlegung meines geliebten J. R. R. Tolkien, die ich vor vielen Jahren gelesen habe und die mich seither nicht mehr losläßt. Daher finde ich es mehr als passend, mit diesem Zitat (in: Humphrey Carpenter, J. R. R. Tolkien. Eine Biographie, dtv/Klett-Cotta, Stuttgart 1979, S. 170) von ihm zu schließen:

Du nennst einen Baum Baum, und du denkst dir nichts weiter bei dem Wort. Aber er war kein ‘Baum’, solange ihm nicht jemand diesen Namen gegeben hatte. Du nennst einen Stern Stern und sagst, das ist einfach eine Kugel aus Materie, die sich auf einer berechenbaren Bahn bewegt. Doch das ist nur, wie du es siehst. Indem du die Dinge so benennst und sie beschreibst, erfindest du nur deine eigenen Ausdrücke für sie. Und so wie das Sprechen ein Erfinden in bezug auf Objekte und Ideen ist, so ist der Mythos ein Erfinden in bezug auf die Wahrheit.