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Nicht nur Vampire treiben in der Steiermark seit jeher ihr Unwesen. Es gab da zum Beispiel einen, den man heute vermutlich als Serienmörder mit okkultistischem Hintergrund bezeichnen würde: Paul Reininger, den “Kannibalen von Kindberg“. Er war von der Idee besessen, durch den Verzehr von sieben (nach anderen Angaben auch nur drei) Mädchenherzen “glücklich im Spielen und Kegelscheiben zu seyn” und sich unsichtbar machen zu können! Der Hergang der Ereignisse ist recht gut dokumentiert:

Paul hatte mit drei Jahren seinen Vater verloren und wurde von seiner Mutter weggegeben; er wuchs bei Dienstboten auf und verdiente seinen Lebensunterhalt als Knecht. Am 15. Jänner 1786 hatte er wieder einmal sein ganzes Geld verspielt und sich betrunken; auf dem Nachhauseweg war er am Wegrand eingeschlafen. Dort fand ihn eine Dienstmagd namens Magdalena Angerer. Sie war zuvor in der Kirche und danach mit ihrem Bräutigam in einem Wirtshaus gewesen und wollte Paul ein Stück begleiten, damit er nicht in der Kälte schlafen mußte.

Ihm fiel die runde Schachtel auf, die sie bei sich trug und in dem er ihren Brautkranz vermutete. Außerdem würde eine Braut wohl Geld bei sich haben. Also zerrte er sie in den Wald, stach ihr sein Messer in den Hals und schnitt ihr den Kopf vom Körper. Danach zog er ihr die Kleider aus, schnitt ihr den Leib vom Bauch bis zum Hals auf und nahm die Eingeweide und das noch zuckende Herz heraus. Zum Schluß trennte er ihren rechten Arm bei der Schulter und ihren linken Fuß beim Knie ab und verteilte die Stücke im Wald.

Darstellung des Mordes auf einem Marterl beim Herzlfresserweg bei Kindberg

Am 2. Februar wurde ein Bauer durch das Gekrächze von Raben auf den Ort des Geschehens aufmerksam und fand dort Magdalenas verstümmelten Leichnam, ihren Kopf sowie die anderen Leichenteile und ihre Eingeweide (jedoch ohne ihr Herz). Fünf Wochen später wurde Paul angezeigt – man hatte ihn an jener Stelle gesehen. Das Gericht ließ seine Habseligkeiten untersuchen; in seiner Truhe fand man die blutigen Kleider der Ermordeten, ihren Kranz und die Hälfte eines menschlichen Herzens.

Im Juli 1786 wurde Paul (der zu diesem Zeitpunkt 32 Jahre alt war) im Schloß Wieden bei Kapfenberg einem peinlichen Verhör unterzogen. Er legte nicht nur ein umfassendes Geständnis ab, sondern schilderte kaltblütig noch weitere fünf Morde, die er begangen hatte:

  • Bereits am Fronleichnamstag 1779 erstach er in einem Wald eine Dienstmagd, die ihm Vorwürfe wegen seiner Trunksucht gemacht hatte, die er aber noch zu einem Liebesspiel überreden hatte können. Er bedeckte ihre Leiche mit Gesträuch und ging unbekümmert nach Hause. Vor Gericht gab er an, es sei ihm “nachher” eingefallen, daß das Mädchen durch ihn Mutter werden könnte und er befürchtet hätte, das Kind erhalten zu müssen.
  • Zwei Jahre später, 1781, verübte er seinen zweiten Mord. Er erwürgte eine Näherin für deren Ersparnisse: einen Gulden.
  • Wieder zu Fronleichnam diesen oder des folgenden Jahres erstach er Elisabeth Leitner, ein achtjähriges Mädchen, dem er davor noch einen Ziegenbock abgeluchst hatte, weidete sie aus und verspeiste ihr Herz zur Hälfte (die andere sollte man Jahre später in seiner Truhe finden).
  • Am 6. November 1783 ermordete er eine geistesschwache 50jährige Bauernmagd auf dem Weg zur Kirche für ihre 45 Kreuzer, die sie mit sich führte.
  • Fünf Tage später erstach er die 17jährige Barbara Lammer, nachdem sie seinem Liebeswerben nach längerem Zögern nachgegeben hatte.

Der Prozeß um den Serienmörder sorgte augenblicklich für großes Aufsehen

Ein ‘übernatürlicher Antrieb, an noch warmen Körpern herumzumetzgern’ und die Überzeugung, durch den Genuß eines frischen Herzens Glück im Spiel zu haben, wenn er es am Tag des Spiels nüchtern verzehrte, hätten ihn zu den Taten verleitet. Doch er gab an, insgesamt nur zwei Herzen herausgeschnitten zu haben; dasjenige von Magdalena Angerer habe er noch dazu verworfen, weil es noch ganz blutig gewesen sei und ihm davor geekelt habe. Auch die allerschwersten Züchtigungen konnten ihn nicht von der Unmöglichkeit überzeugen, sich unsichtbar machen zu können.

Das Landgericht zu Wieden fällte am 24. April 1786 ein Urteil über ihn, das zu den schwersten gehört, die in jener Zeit gesprochen wurden: “Paul Reininger soll wegen an sechs Personen auf die grausamste Art verübten Straßen- und Meuchelmorden an die gewöhnliche Richtstätte geführt, am ersten Viertelweg ihm ein Zwick mit glühender Zange in die rechte Brust, am halben Weg ihm ein Riemen aus der linken Seite am Rücken geschnitten, am dritten Viertel, wiederum ein Zwick in die linke Brust, an der Richtstätte selbst abermals ein Riemen aus der rechten Seite geschnitten, hernach ihm all dort seine Glieder durch den ganzen Leib von unten auf mit dem Rade abgestoßen und also soll er dem Leben zum Tode gerichtet, folgens der Tote in das Rad geflochten und ein Galgen mit herabhängendem Strang aufgerichtet werden.” (zitiert nach Franz Josef Böhm, Der Herzensfresser von Kindberg)

Inschrift auf dem 2010 restaurierten Marterl

Kaiser Joseph II. änderte das Urteil im Zuge der Abschaffung der Todesstrafe und “zur besseren Erspiegelung anderer” dahingehend, daß Paul drei Tage hintereinander je hundert Stockstreiche erhalten solle. Dann sei er nach Graz auf den Schloßberg zu überführen und dort in ein ewiges Gefängnis anzuschmieden und nur mit Wasser und Brot abzuspeisen. Außerdem solle er alle Vierteljahre 50 Stockstreiche erhalten. Am 4., 5. und 6. Juli 1786 wurde die Züchtigungsstrafe in Kapfenberg vollzogen: der Scharfrichter selbst prügelte ihn. Gleich am ersten Tag mußte Paul auf einer Trage ins Gerichtshaus zurückgetragen werden. Ebenso wurde er am zweiten und am dritten Tag zum Hochgericht hinaus und von dort wieder zurück geschleppt. Am ersten Tag wurden an ihm 14 Stöcke abgeschlagen und am zweiten sechs. Am dritten Tag wurde nach je zehn Streichen ein neuer Stock genommen. Es heißt, daß er am ersten Tag bis zum 40. Streich schrie und dreimal gelabt werden mußte. Am zweiten Tag schrie er nicht so heftig, aber am dritten Tag schrie er bis zum neunzigsten Streich “ganz erbärmlich”, worauf er ohnmächtig wurde und wieder gelabt werden mußte.

Der “Herzlfresser” überlebte die Tortur. Am 12. August traf er in Graz ein, und die ganze Stadt war auf den Beinen, um den Unmenschen zu sehen. Er wurde in die Kasematten des Schloßbergs geworfen, in denen er bis zu seinem Tod am 11. November 1786 schmachtete. Vom Wahn, sich unsichtbar machen zu können, blieb er bis zuletzt besessen.

Beilage zum "Grazer Tagblatt" von 1911: Der Herzlfresser ist in die Sagenwelt eingegangen