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Rituale spielen eine wichtige Rolle bei den magischen Aspekten der Arbeit von PANTHERION. Sie können als Techniken gesehen werden, um den Bewußtseinszustand willentlich zu verändern und entsprechende Resultate zu erzielen. Im Gegensatz zu den elaborierten zeremonialmagischen Vorgängen in elitären Zirkeln haben die Mitglieder der geheimen Grazer Organisation bei ihren Einsätzen oft weder die Zeit noch die benötigten Paraphernalia, um eine gewünschte Atmosphäre zu erzeugen – meist müssen sie sich schnell an die Gegebenheiten anpassen und improvisieren. Für solche Zwecke eignet sich eine hoch effiziente Methode, deren Umsetzung im Pilotfilm zweimal deutlich zu sehen ist: die Anwendung von Sigillen!

Die Sigille, die Alexander Freytag benutzt, um ein Portal zum Raum zwischen den Sternen zu schließen

Bei Sigillen handelt es sich meistens um Darstellungen von miteinander verbundenen Buchstaben, die ursprünglich das Ziel der magischen Handlung ausgedrückt haben, durch ihre graphische Komprimierung und Vereinfachung quasi einen Prozeß “homöopathischer Verschüttelung” hinter sich haben, wodurch das ursprüngliche Ziel nunmehr vom Verstand nicht mehr erkannt und hintertrieben werden kann.

Die Idee, heilige Symbole (die ja auch Buchstaben ihrem innersten Kern nach sind) miteinander zu verbinden, um magische Beziehungen zu erschaffen und Telesmata zu erzeugen ist nicht neu: Man denke etwa an Yantras, Binderunen und Zauberzeichen oder Veves. Die Zauberer des Mittelalters und der Renaissance sigillisierten die Namen von Engeln, Dämonen und Planetengottheiten, um mit diesen zu kommunizieren und ihnen ihre Geheimnisse zu entlocken.

Heinrich Cornelius Agrippa von Nettesheim (1486-1535). Der Universalgelehrte entwickelte Siegel aus magischen Quadraten und Geheimschriften

Die moderne Form der Sigillen geht auf einen englischen Künstler und Magier zurück: Austin Osman Spare. Am 30. Dezember 1886 geboren, galt er in London bald als “boy genius” – seine erste Ausstellung hatte er schon mit 17 Jahren. Neben seinem künstlerischen Talent wurden aber auch seine okkulten Interessen schon in seiner Kindheit offenbar. Er gab an, von einer Hexe namens Mrs. Paterson ausgebildet worden zu sein. Sie soll seine Faszination für die Kartomantie geweckt haben, Analphabetin gewesen und mit 101 Jahren gestorben sein; viel mehr erzählte er nie über seine Mentorin.

Die Bilder seiner zweiten Ausstellung von 1907 sowie seine bis dahin erschienenen ersten beiden Bücher erregten das Interesse eines berühmten Zeitgenossen Spares: Aleister Crowley. Er nahm den jungen Künstler als Anwärter in seinen frisch gegründeten Orden A.·.A.·. auf; Spare trat aber bald wieder aus – mit der Begründung, daß er dort nichts lernen könne und die Rituale aufgesetzt und leer seien. Es wird niemanden verwundern, daß das Verhältnis der beiden Magier danach, nunja, ziemlich distanziert war … obwohl Crowley seine Meinung änderte, nachdem er Spares 1913 erschienenes, wichtigstes Buch gelesen hatte: Dieses vielschichtige Werk, The Book of Pleasure (Self-Love), zählt neben Crowleys eigenem Liber AL und Gerald Gardners The Book of Shadows zu den mit Sicherheit einflußreichsten Büchern über Magie im 20. Jahrhundert.

Austin Osman Spare, 1886-1956

Darin stellt AOS sein System des Zos Kiâ vor und ruft zu einem vollständigen Verzicht auf Hierarchien und Dogmen auf: Seiner Ansicht nach bedarf es allein der Kraft des Magiers, die er in sich selbst findet, um seinen Willen zu kanalisieren. Daher ist er auch jederzeit verfüg- und spontan realisierbar. Die “Umkehrung des linearen Denkens in eine Sprache der reinen Form … erlaubt es dem Zauberer, in Symbolen zu denken” (vgl. Gavin W. Semple, Austin Osman Spare: Kunst und Magie, Edition Roter Drache, Rudolstadt 2010, S. 48). Darin liegt der Ursprung seiner Sigillen, und für die Arbeit mit ihnen ist er heute auch am ehesten bekannt (vgl. etwa jene, die Alexander hilft, das Orakel von Graz zu beschwören) – er hat natürlich aber noch mehr zu bieten, zum Beispiel seine Überlegungen zum Umgang mit Atavismen (darauf bezieht sich Melchior v.·. Wahnstein einmal in OMEN Nr. 2).

Darüber hinaus, und das interessiert mich an AOS besonders, ist er als einer der wenigen im Westen explizit nondual. Er gab selbst Lao Tse und Plato als wichtige Einflüsse an, und in seinen Schriften finden sich laufend Stellen, deren Nähe zu Konzepten der Philosophie des Advaita, zum Zen und zum tantrischen Vajrayāna-Buddhismus offensichtlich ist. Mit dieser transzendentalen Richtung seiner Arbeit erweist sich AOS letztlich auch als moderner Mystiker. 1927 zog er sich übrigens fast vollständig aus der Öffentlichkeit zurück und führte ein äußerst genügsames Leben in London. “Er lebte allein, mit Ausnahme seiner vielen Katzen, und wurde manchmal in Kneipen gesehen, wo er gegen ein oder zwei Gläser Bier Porträts für die Gäste zeichnete, oder eher gesagt, von seiner Hand automatisch zeichnen ließ, während er sein Bier genoss.” (Quelle)

Stele von Austin Osman Spare

Spare war Zeichner, daher kennt man Sigillen bis heute vor allem in graphischer Form. Sie sind aber natürlich nicht darauf beschränkt: Es gibt beispielsweise auch mantrische Sigillen oder weiterführende moderne Experimente damit. Als bekanntestes Beispiel wäre hier sicherlich die Idee einer Hypersigil zu nennen, wie sie Grant Morrison postuliert. Sein gesamtes opus magnum, The Invisibles, stellt demnach eine komplexe Sigille in erzählerischer Form dar. Und diese Comicreihe war ja eine wichtige Inspirationsquelle für das PANTHERION-Universum. Insofern kann auch dieses als fiktionale wie lebendige Meta-Sigille verstanden werden, die uns und die Realität um uns herum maßgeblich beeinflußt.