Tags

, , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Zu den rätselhaftesten Figuren des übersinnlichen Graz zählt einer, der heute nur mehr als “Nachtwächter” bekannt ist. Geboren wurde er den PANTHERION-Archiven zufolge als Franz Bartholomeus Hartmann am 15. Februar 1570. Den Beruf des Nachtwächters übernahm er wohl von seinem Vater. 1588 heiratete er und 1590 schenkte ihm seine Frau Agnes eine Tochter, Catharina. Sie lebten in der Vorstadt und er erwarb sich einen Ruf als gewissenhafter und zuverlässiger Mensch.

Es war das Jahr 1599, als er in mehr als einer Nacht heimlicher Zeuge eines seltsamen Vorgangs war: Ein Vermummter ließ mitten in der Stadt weiße Tauben aus einem Käfig frei und stahl sich wieder davon. Einmal konnte ihm der Nachtwächter bis zum Orthof folgen (dem heutigen Schloß Eggenberg). Als er ein paar Tage darauf dem Bier mehr zusprach als er sollte, entschlüpfte ihm wohl eine Bemerkung über sein nächtliches Abenteuer – immerhin hütete er sich aber anzugeben, wohin er dem Vermummten gefolgt war. Doch er hatte genug erzählt, um die Aufmerksamkeit eines Mannes namens Isidor Jacob Ebner zu erregen.

Nicht lange darauf machte unter der Bevölkerung von Graz die Nachricht vom unnatürlichen Verhalten einiger Tauben die Runde. Sie flatterten gar seltsam, tuschelte man, nur um dann in großer Zahl tot auf den Boden zu stürzen. “Sterbvögel” nannte man sie. Kurz darauf erschienen “Blutkreuze” an verschiedenen Orten, an Haustüren und Wänden, aber auch an Menschen. Johannes Kepler selbst nahm am Rist seines linken Fußes ein kleines Kreuz wahr, dessen Farbe “aus dem Blutroten ins Gelbliche spielte”; das war kurz bevor er der Einladung Tycho Brahes nach Prag folgte. Und dann brach die Krankheit aus! Die Menschen gerieten in Panik und waren davon überzeugt, daß die Pest zurückgekehrt sei.

Graz um 1600

Zuerst steckte sich Catharina an, kurz darauf Agnes. Obwohl er selbst gesund zu sein schein, wurde der Nachtwächter mit seiner Familie vom einberufenen Pestmedicus eingesperrt, die Haustüre verriegelt. Essen wurde ihnen an Stielen durchs Fenster hinein gereicht, sonst hatten sie keinen Kontakt zur Außenwelt. Der Nachtwächter flehte zum Herrgott, seine Frau und Tochter doch wieder gesund zu machen. Doch die Ohren des Herrgotts waren taub. Und bald kam auch das Essen nicht mehr. Niemand beantwortete ihre verzweifelten Schreie. Zwei Tage waren sie schon ohne Wasser, da schien sich endlich jemand ihrer Gebete anzunehmen. In der Nacht wurde nämlich das Schloß vor der Tür des Nachtwächters geöffnet: Isidor Jacob Ebner stand davor.

Er sagte dem Nachtwächter zu, ihm dabei zu helfen, seine Familie zu versorgen, wenn dieser ihn zu jenem Gebäude führen würde, in dem er den Vermummten hatte verschwinden sehen. Der Nachtwächter kannte Ebner nur vom Sehen, aber in dieser Situation war er der einzige Freund, den er noch hatte. Wohl oder übel ließ er sich auf das Geschäft ein. Hastig verabschiedete er sich von Agnes und Catharina, bevor jemand bemerkte, daß er eine Pestwohnung gegen die strikte Anweisung des Medicus verließ. Er versprach ihnen, in wenigen Stunden mit Wasser und Nahrung zurückzukehren.

Auf dem Weg zum Orthof konnte er Ebner einiges entlocken, das ihn erschauern ließ: Sein Retter deutete an, daß er zusammen mit einer Handvoll anderer Leute für die Blutkreuze verantwortlich war. Sie waren durch die dunklen Künste hervorgebracht, ein Abwehrzauber, der die Stadt und ihre Einwohner vor der Krankheit beschützen sollte. Der Nachtwächter hatte durch seine Beobachtung die Vermutungen Ebners und seiner Helfer bestätigt – nämlich, daß Verschwörer die Sterbvögel bewußt aussetzten, um die Menschen zu infizieren!

Der Nachtwächter

Doch diese warteten schon auf sie: Am Orthof gerieten sie in einen Hinterhalt, Ebner wurde getötet und der Nachtwächter in ein Verließ gesperrt. Aus seiner Zelle sah er ein alchemistisches Labor, und darin den Vermummten, den er in der Stadt beobachtet hatte. Der deutete an, daß er einer mächtigen Gemeinschaft angehörte, die unsere Welt vor einer Invasion durch Vampire beschütze: Da sie von der Lebensenergie der Menschen zehren, lag es nahe, eine ausreichend große Anzahl von Menschen zu opfern, um unsere Welt für die Vampire unattraktiv zu machen … Und in ebendiesem Labor wurde ein entsprechendes Fluidum erzeugt, schlimmer als die Pest, und Ratten, Kröten und Tauben als dessen Überträger benützt. Allerdings war die Initiative aus dem Ruder gelaufen: Der Vermummte selbst sowie mehrere seiner Helfer zeigten selbst seit kurzem die ersten Anzeichen der Krankheit. Um sich zu heilen, entwickelte er in aller Eile einen Trank als Gegenmittel; dieser mußte zuvor jedoch natürlich an einem anderen getestet werden. Alles Betteln half nichts – er flößte dem Nachtwächter das krankmachende Fluidum ein und hielt ihn weiterhin gefangen, zwei qualvolle Tage lang.

Doch bevor das Gegenmittel an ihm getestet (und er danach natürlich umgebracht) werden konnte, wurde das Labor von Ebners Freunden gestürmt. Die alchemistischen Utensilien fingen im Kampf Feuer. Der Nachtwächter konnte sich das Chaos zunutze machen, um aus seiner Zelle zu fliehen. Durch das brennende Inferno wankend, suchte er verzweifelt das Gegenmittel unter all den Flüssigkeiten. In seiner Verzweiflung trank er sie alle und floh, unbemerkt von den Kämpfern. Denn ein letzter Funke Hoffnung war ihm geblieben: daß jemand seine Abwesenheit bemerkt und sich seiner Liebsten erbarmt hatte, daß Agnes und Catharina vielleicht doch noch lebten, daß der Herrgott ein Einsehen gehabt hatte. Aber als er nach Hause kam, mit verbrannter Kleidung, am Ende seiner Kräfte, mußte er erkennen, daß der Herrgott kein Einsehen kannte. Die beiden waren tot. Er trug sie zur Leichengrube. Er schwor, für immer bei ihnen zu bleiben. Er saß dort, schweigend, trauernd, auf seinen Tod wartend – aber auch der kam nicht. Irgendetwas war mit ihm geschehen.

Verbittert nahm er seinen Beruf wieder auf, ging durch die Straßen wie zuvor. Und je mehr die Zeit verstrich, desto mehr wurde aus einem ängstlichen Gedanken schreckliche Gewißheit: Er erkannte, daß er nicht alterte, oder wenigstens nur äußerst, äußerst langsam. Aus Jahren wurden Jahrzehnte, wurden Jahrhunderte. Sein Schwur, bei seiner Familie zu bleiben, hinderte ihn daran, aus Graz fortzugehen. Mit der Zeit erfuhr der Nachwächter auch von PANTHERION. Nach dem Feuer war es der Organisation gelungen, mit Hilfe entwendeter Schriften selbst ein Gegenmittel herzustellen und die Krankheit einzudämmen. Das ganze Ausmaß der Ereignisse aber wurde vertuscht, die Aufzeichnungen über die Krankheit aus den Annalen der Stadt gestrichen. (Es gab nur Gerüchte, daß jene schwarzalchemistischen Versuche, die von PANTHERION verhindert werden konnten, später von Raimondo di Sangro und seinen Schülern in Neapel fortgesetzt wurden.) PANTHERION war auf den streng geheimen codex inferioris des Vatikan gesetzt worden und gezwungen, in den Untergrund zu gehen.

Doch auch von dort aus blieb die Existenz des offenbar Unsterblichen der Grazer Organisation nicht verborgen. Man näherte sich langsam aneinander an – mit Vorbehalt und gegenseitigem Mißtrauen. Im Jahr 1807 half der Nachtwächter PANTHERION dabei, das Orakel zu installieren, weil er sich von ihm eine Antwort darauf versprach, wie er endlich sterben könnte; die blieb es ihm bis heute aber schuldig. So blieb das Verhältnis zwischen ihm und PANTHERION über die Zeit ein ambivalentes und ist nach wie vor angespannt: Man versucht, sich gegenseitig aus dem Weg zu gehen. Und wenn er schon um Hilfe gebeten wird, verlangt er immer einen hohen Preis für seinen Rat.

Mit der modernen Zeit kommt er nicht mehr gut zurecht. Er hat sich eine Identität als Geschichtenerzähler zugelegt, um das Notwendigste fürs Überleben zu verdienen – immerhin war er bei fast allen Geschehnissen persönlich zugegen (beispielsweise auch, als man den Herzlfresser nach Graz brachte)! So zieht er nach wie vor als Nachtwächter durch die Straßen der Stadt, und zwar beim Ghostwalk of Graetz.